Samstag, 1. November 2008 16:58
Es ist 3 Uhr früh. Ich krieche aus dem Tiefschlaf hoch, weil ich ein Schreien höre. Die immer stärkere Intensität lässt mich dann so schnell auftauchen, dass Geist und Körper gar nicht richtig zu einander finden wollen. Mir wird bewusst, dass mein Mann neben mir im Bett diese Laute von sich gibt. Im ersten Moment denke ich an einen Alptraum und versuche ihn durch ein Stupsen mit meiner Hand zu wecken. Aber dieser Schrei nimmt einen ganz gedrungenen, gepressten Charakter an der mir augenblicklich zu verstehen gibt, dass dies nicht aus einem Alptraum entstehen kann.
Ich suche mit einer Hand nach dem Lichtschalter meiner Nachttischlampe und kann sie nicht sofort finden. Ich merke wie meine Hand zittert und Panik aufkommt. Ich wusste, wenn das Licht an ist werde ich etwas erblicken, dass ich eigentlich nicht sehen will.
Endlich, der Lichtschalter. Ich knalle mit meiner Hand drauf und drehe gleichzeitig meinen Kopf in Richtung des Schreies.
Da lag dieser Körper, von Krämpfen geschüttelt. Den Kopf nach hinten geworfen. Alle Gliedmaßen zum Körper gezogen. Alle Muskeln kontrahierend. Die Augen offen und nach oben gedreht.
Ich beginne zu schreien und springe aus dem Bett an die Seite meines Mannes. Der Schrei geht in ein Gurgeln und nach Luft ringen über. Ich will etwas tun, und dann aber doch wieder nicht. Ich will eigentlich nichts damit zu tun haben.
Er wird sterben, mein erster Gedanke. Er wird sterben.
Ich schreie wohl immer noch unkontrolliert durch die Gegend denn ich höre wie die Kinderzimmertüren aufgehen. Immer noch dieser zuckend Leib vor mir.
Ich gehe schnell aus dem Zimmer, schließe die Türe, fange die Kinder ab und schicke sie zum ältesten Bruder ins Zimmer, dem ich kurz sage, dass es seinem Vater gerade nicht gut geht und ich mich um ihn kümmern muss.
Er versteht sofort.
Ich hetze wieder zu dieser Schlafzimmertüre. Ich habe Angst sie zu öffnen. Alles geht so schnell. Und doch wieder so langsam. Was wird hinter dieser Türe sein wenn ich sie öffne? Wird er schon tot sein? Was kann ich tun?
Ich öffne die Türe und sehe noch immer einen krampfenden Körper und höre diese kaum zu ertragenden Geräusche.
Ich wähle den Notruf.
“Bitte, bitte helft mir…”. Der Mann in der Leitung versichert mir, dass die Rettung kommt. Ich glaube ihm nicht.
Ich versuche den zuckenden Körper in die Seitenlage zu rollen. Schaue ob der Mundraum nicht mit Blut gefüllt ist. Aber selbst wenn, ich könnte nichts tun. “Du darfst ihn nicht wecken”. “Krampfende Menschen darf man nicht wecken”, geht es immer wieder durch meinen Kopf.
Dann wird sein Blick plötzlich starr. Die Augen weit offen und nach vorne gerichtet.
Jetzt ist es vorbei…..oh Gott…
Doch ihr höre ein Röcheln. Der Körper zuckt immer noch aber etwas weniger.
Ich laufe nach unten um die Türe zu öffnen, damit der Notarzt rein kann. Der Notruf hat in der Zwischenzeit auch wieder bei mir angerufen und will, dass ich zurück zu meinem Mann gehe. Ich will aber vor der Türe stehen bleiben damit der Notarzt nicht vorbei fährt. Ich rede sehr laut. Vermutlich schreie ich diese Dame vom Notruf an. Die Nachbarin steht plötzlich da. Ich schicke sie zu den Kindern.
Ich laufe wieder nach oben.
Angst, die Türe zu öffnen.
Er bewegt sich. Er will aufstehen, kann aber nicht. Hat seinen Körper nicht unter Kontrolle. Die Dame vom Notruf sagt mir, ich solle darauf achten, dass er nicht aufsteht. Wie bitte soll ich das machen? Ich rede auf ihn ein.
“Steh nicht auf….leg dich wieder hin….der Arzt kommt gleich”…..
Er lässt sich wieder aufs Bett sinken und alles wird ruhig.
Er liegt am Bauch.
Ich muss hingehen um zu sehen, ob er atmen. Ich kann nicht. Tu es aber trotzdem.
Ich will weg.
Ich will das nicht.
Ich höre die Rettung.
Gott sei Dank.
…………………………………
Es war ein cerebraler Krampfanfall. Sowas kann jedem passieren, sagt der Arzt.
Was mich wirklich erschreckt hat, war die Tatsache, wie ich damit umgegangen bin.
Wie unfähig ich in dieser Situation war, und letztlich nur darauf aus, dieser Situation zu entkommen.
Ich wollte weglaufen.
Ich glaube, in solchen Extremsituation sieht man, was wirklich wahr ist.
Da bleibt nicht mehr viel übrig.