Blitzlichter
Ich komme gerade von einer Hochzeit von Freunden.
Die Kinder habe ich bereits ins Bett gebracht, F. schlief schon im Auto ein.
Mein Gesicht habe ich abgeschminkt, und damit versucht, auch die ganze Verlogenheit abzuwaschen.
Gerade ist in mir so viel Traurigkeit, obwohl das Fest an sich ein schönes war.
Der Rahmen, in dem die Trauung stattfand war wie aus dem Bilderbuch, aber dennoch nicht zu kitschig.
Auf einer Wiese. Runherum die Rapsfelder und Blumenwiesen.
Das Brautpaar unter einem großen Baum, die Gäste rundherum, die Kinder toben in den Wiesen.
Der Standesbeamte spricht irgendetwas von “blindem Vertrauen”, “bedingungsloser Liebe” und “einem neuen Lebensabschnitt, den man ab nun zu zweit gehen würde”. Diese Worte schmecken alle sehr schal.
Ich kann mich nur an der wunderschönen Umgebung festhalten, um nicht augenblicklich kotzen zu müssen. Ich empfinde Scham, meiner Freundin gegenüber. Scham und Schuldgefühle, dass ich so empfinde.
Ich singe für das Brautpaar “Summertime” aus Porgy & Pess, als mein Hochzeitsgeschenk an sie.
In diesen paar Minuten fühle ich mich frei.
Ich habe mich heute hübsch gemacht (alleine die Aussage ist ja schon ziemlich befremdend).
Habe ein Kleid angezogen, die Haare besonders lange ausgeföhnt, um jeder widerspenstigen Locke Herr zu werden. Schöne Schuhe angezogen. Dezentes (kaum merkbares) Make up aufgelegt. Ohringe von meiner Oma.
Ja, ein Blick in den Spielgel sagte mir, dass ich mich recht wohl fühle, und raus gehn kann.
Die Tafel fand in einem Landhasthaus der gehobenen Klasse statt.
Diverse, mehr oder weniger dämlichen, gruppendynamische Hochzeitsspiele folgten.
Und dann wurde getanzt.
Da kam dieser Augenblick, in dem ich mich auch zur Musik bewegen wollte.
Ein innerer Drang wollte dort auf die Tanzfläche, zu den vielen anderen Menschen, die sich mehr oder weniger gekonnt zur Musik bewegten. In diesem Moment war es mir egal, ob ich das nun kann oder nicht. Ich wollte mich im Einklang mit der Musik bewegen, ungeachtet dessen, wie befremdend dies wohl aussehen mag.
Aber, ich tat es nicht.
Ich blieb dort sitzten, auf meinem Sessel.
Warum?
Weil man es so von mir erwartet.
Wir machen uns doch nicht zum Deppen oder gar lächerlich, dass sollen die anderen machen.
Bleib brav dort sitzen, und sei folgsam.
Bedingungslose Dummheit.
Wut in mir. Spürbar im Bauch, und eine Schwere ums Herz herum.
Ich beneidete die Menschen, die hemmungslos und voller Freude, voller Begeisterung ihre Körper bewegten, die Hüften kreisten, die Arme in die Höhe rissen.
Obwohl ich diese Dummheit der absoluten Abhängigkeit in mir erkannte, saß ich wie gelähmt auf meinem Stuhl.
Summertime
And the livin’ is easy,
Fish are jumpin’
And the cotton is high.
Oh yo’ daddy’s rich
An’ yo’ ma is good lookin’
So hush, little baby,
Don’t you cry.
One of these mornin’s,
You’s gonna rise up singin’
Then you’ll spread yo’ wings
An’ you’ll take to the sky.
But till that mornin’,
There’s ain’t nothin’ can harm you
With your Daddy an’ Mummy
Standin’ by.