Sonntag, 27. April 2008 9:53
Wenn der Körper erkrankt steh man automatisch vor zwei verschiedenen Problemen. Auf der einen Seite ist da der Krankheitsprozess selbst, also die Erkrankung. Diese Erkrankung, würde ich sagen, ist relativ wertfrei. Also weder gut noch schlecht, sie ist einfach da. Auf der anderen Seite hat der erkrankte Mensch mit einer Haltung zurecht zu kommen, die ihm von der jeweiligen Gesellschaft aufoktruiert wird. Also eine Haltung, die eine Gesellschaft selber einer bestimmten Krankheit gegenüber einnimmt, geprägt durch eigenes urteilen, Ängsten, Hoffnungen, Geschichten, Mythen oder Wertforstellungen. Und in jeder Gesellschaft verbindet man eine gewisse Bedeutung mit Krankheit. Diesen Aspekt würde ich das “Leiden” nennen. Also die Medizin sagt uns wann und auf welcher Art und Weise wir “krank” sind. Unsere Kultur und Gesellschaft sagt, wann und in welcher Weise wir “leidend” sind.
Das mag ziemlich abstrus klingen, aber muss nicht unbedingt negativ sein. Eine Gesellschaft könnte einer Krankheit ja auch durchaus mitfühlend und verständnisvoll gegenüber stehen.
Durch diese Wissenschaft versuche ich also nun Erklärungen für die Krankheit zu finden. Aber durch die Gesellschaft versuche ich dieses Leiden zu verstehen.
Denn in dem Ausmaß, wie ich zu dieser Gesellschaft gehöre, also ich “in ihr” bin, ist sie mit ihren Bedeutungszuweisungen und Wertungen “in mir”.
Und hier steigt in mir immer wieder die Frage des “warum” auf. Habe ich Schuld an Krankheit und Leiden?
Hier möchte ich ein paar Anschauungen anführen, die ich im Buch “Mut und Gnade” von Ken Wilber, gefunden habe:
1. Christlich - die Botschaft der Fundamentalisten: Krankheit letzlich als Strafe Gottes für irgendeine Sünde. Je schlimmer die Krankheit, desto schauriger die Sünde.
2. New Age - Krankheit als Lektion: Du legst dir selbst diese Krankheit zu, weil du etwas Wichtiges durch sie zu lernen hast, um dann deine spirituelle Entwicklung fortsetzten zu können. Der Geist allein erzeugt die Krankheit, und der Geist allein kann sie heilen. Eine yuppisierte postmoderne Vision der christlichen Wissenschaft.
3. Schulmedizin: Krankheit ist im wesentlichen eine biophysikalische Störung aufgrund von biophysikalischen Faktoren (von Viren über Traumata bis zu genetischer Veranlagung und auslösenden Umweltfaktoren). Bei den meisten Erkrankungen zerbricht man sich über psychologische und spirituelle Behandlungsformen am besten gar nicht erst den Kopf, denn meistens sind sie wirkungslos und verhindern eher, dass einem die richtige medizinische Versorgung zuteil wird.
4. Karma: Krankheit ist die Folge von negativen Karma, das heißt, irgendein ungutes Handeln in der Vergangenheit (früheren Leben) reift jetzt zu einer Krankheit aus. Die Krankheit ist insofern “schlecht”, als sie für frühere Missetaten steht; “gut” ist sie in dem Sinne, dass der Krankheitsprozess selbst für das Verbrennen und Läutern der früheren Missetaten steht; er ist ein Purgatorium.
5. Psychologisch - oder wie Woody Allen sagt: “Ich werde nicht wütend; ich kriege statt dessen Tumore”. Dahinter steht, zumindest in der Pop-Psychologie, dass verdrängte Emotionen Krankheiten verursachen. Die extreme Form: Krankheit ist Todesverlangen.
6. Gnostisch: Krankheit ist eine Illusion. Das gesamte manifeste Universum ist ein Traum, ein Schatten, und frei von Krankheit kann man nur sein, wenn man von der Illusion des Manifestierten ganz frei ist, wenn man dem Traum erwacht und die “Eine Wirklichkeit” hinter dem manifesten Universum entdeckt. Der Geist ist die einzige Wirklichkeit, und im Geist gibt es keine Krankheit. Eine extreme und etwas verquerte Spielart der Mystik.
7. Existentiell: Die Krankheit an sich hat keine Bedeutung. Sie kann nur eine Bedeutung gewinnen, wenn ich ihr eine gebe, und ich alleine bin verantwortlich für diese Entscheidung. Menschen sind endlich und sterblich, und die einzige authentische Haltung gegenüber der Krankheit besteht darin, sie als Aspekt unserer Endlichkeit zu aktzeptieren, auch wenn wir ihr eine persönliche Bedeutung geben.
8. Ganzheitlich oder holistisch: Krankheit ist das Produkt physischer, emotionaler, mentaler und spiritueller Faktoren, die nicht voneinander zu trennen sind und von denen keiner ignoriert werden kann. Die Behandlung muss alle diese Dimensionen berücksichtigen (was allerdings in der Praxis meist doch auf ein Umgehen schulmedizinishcer Therapien hinausläuft, auch wenn diese vielleicht helfen könnten).
9. Magisch - Krankheit als Vergeltung: “Ich verdiene diese Krankheit, weil ich mir gewünscht habe, dass Soundso stirbt”. Oder: “Ich tue mich besser nicht so sehr hervor, sonst passiert mir etwas Schlimmes”, oder: “Wenn ich zuviel Gutes erfahre, muss irgendwann was Schlechtes kommen”. Und so weiter.
10. Buddhistisch: Krankheit ist ein unausweichlicher Bestandteil der Erscheinungswelt. Die Frage nach dem Warum der Krankheit ist ebenso sinnlos wie die Frage nach dem Warum der Luft, Geburt, Alter, Krankheit und Tod - das sind die Kennzeichen dieser Welt, in der alle Phänomene flüchtig, leidvoll und ohne Selbst-Wesenheit sind. Erst in der Erleuchtung, dem reinen Nirvana-Gewahrsein, ist Krankheit endgültig transzendiert, denn dann ist die Welt der Phänomene überhaupt transzendiert.
11. Wissenschaftlich: Worin die Krankheit auch bestehen mag, sie hat eine bestimmte Ursache oder Gruppe von Ursachen. Einige dieser Ursachen sind ermittelt, andere sind unberechenbare Zufallserscheinungen. Jedenfalls hat die Krankheit keine Bedeutung oder gar einen tieferen Sinn. Es gibt hier nur Zufall und Notwendigkeit.
“Es liegt in der Natur des Menschen, dass er in einem Meer von Bedeutungen schwimmt”….
…..ich scheine oftmals schier darin unter zu gehen…..